Weg frei für Projektgenossenschaften

von Wilfried J. Klein • 15. August 2010 • gespeichert unter: Allgemein
Neue Wege im Wirtschaftsgeschehen (Foto: Marko Greitschus / pixelio.de)

Neue Wege im Wirtschaftsgeschehen (Foto: Marko Greitschus / pixelio.de)

Systematische Gründungen von Genossenschaften durch Coop-Factory´s

Durchsetzungsstarke Geschäftsmodelle, mit diesen einhergehende verbindliche Planungs-, Beschaffungs-, Produkt- bzw. Dienstleistungs- gestaltung und Vertriebs- und Qualitäts- unterstützung sind allesamt Kennzeichen des Franchise-Konzeptes. Können dessen Prinzipien auf Genossenschaftsgründungen übertragen werden? Ist es nicht gerade diese Gleichmacherei, Simplifizierung und Kapitalallokation die das Genossenschaftswesen verhindern oder wozu es eine Alternative anbieten will?

Hierüber sprach Wilfried Klein mit Wolfgang George, Initiator des Kooperativen Mittelhessens.

WK: Bitte erklären Sie den Begriff Coop-Factory und was Sie mit diesen erreichen wollen?

WG: Es ist unbestritten, dass das Franchisingformat als Ikone der kooperativen Ökonomie in der Verbreitung von Produkten und Dienstleistungen anzuerkennen ist. So gilt es einen klaren Blick darauf zu richten, über welche Mechanismen und Strukturen dies gelingt und wie diese bestmöglich auf das Genossenschaftsmodell zu übertragen sind. Als eine Coop-Factory würde ich dementsprechend die Genossenschaft verstehen, welche ein geprüftes Leitungsgeschehen systematisch filialisiert. Das Ziel liegt eindeutig in der Verbreitung des belastbaren Modells.

WK: Das klingt für einen „Genossenschaftler“ ganz sicher erst einmal ausgesprochen gewöhnungsbedürftig, betont man hier ja geradezu den individuellen Lösungszuschnitt.
WG: Das stimmt nur bedingt. Die Zentralgenossenschaften haben durchaus Ähnlichkeiten, auch die Volks- und Raiffeisenbanken besitzen bei aller Unterschiedlichkeit homogenisierte Geschäftsprozesse und bauen diese systematisch aus. Was bisher indes fehlt, ist dieses Wissen systematisch auf das genossenschaftliche Neugründungsgeschehen zu transferieren.

WK: Es gibt meiner Kenntnis nach bisher kein genossenschaftliches Franchisingsystem. Woran liegt es, dass bisher offensichtlich niemand eine erfolgreiche Übersetzung dieses Prozesses erreicht hat?
WG:  Wie gesagt, Teilprozesse existieren. Ein wesentlicher Punkt ist sicher, dass hierzu ein planerisch festgelegtes Konzept bzw. Satzung und Businesscase mit hoher Standardisierung gehört. An solch einem Konzept sind keinesfalls alle Marktteilnehmer und müssen auch nicht automatisch alle Akteure der genossenschaftlichen Community und deren Verbundpartner interessiert sein.

WK: Nennen Sie mir bitte ein Beispiel, für welche Branchen man sich solche Coop-Factorys vorstellen kann?
WG: Prinzipiell alle Branchen - ganz sicher ist der Dienstleistungsbereich besonders geeignet. Gleichzeitig ist es auch möglich, eine Energiegenossenschaft, welche einen Prozess zum Aufschluss eines regionalen Energiemixes beherrscht, potentiell an beliebig vielen Orten zu betreiben. Aber gerade solche Organisationen wie Kitas, Kindergärten oder auch kleinere Grundschulen die sich auf ein bewährtes Leistungsgeschehen beziehen könnten, brauchen nicht immer wieder neu erfunden zu werden.

WK: Nun ist es ja allgemein, z.B. aus dem Handel bekannt, dass die Verdienstmargen im Franchisinggeschäft vielfach strangulierend sind. Besteht nicht die Gefahr, dass die GenoFactory zum Abzocker der Filialen bzw. Töchter wird?
WG: Nicht notwendiger Weise, es ist Aufgabe der Vertragspartner und auch der Prüfverbände, dass dem Genossenschaftsgesetz und dessen kaufmännischen und ethischen Werten Rechnung getragen wird. Das Gegenteil kann der Fall sein: eine GenoFactory kann vielfach ein Geschäft erst ermöglichen, indem sie neben dem Know-how und den Prozessen der Betriebssicherung auch eine – vielleicht auch nur anteilige – Kapitalisierung und Sicherstellung der Geschäftsprozesse übernimmt.

WK: Und die Qualität der Leistungen, ist diese in solch einem Duplikatsgeschäft zu erhalten?
WG: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass hohe Skalen niedrige Qualität bedingen. Für eine ganze Reihe von Geschäften ist es sogar genau anders herum. Nein, natürlich gilt es einen kooperativen Umgang innerhalb der Coop-Factory zu beleben bzw. all dasjenige zu vermeiden, welches den Erfolg gefährdet. Natürlich ist wohl immer eine gewisse „Vor-Ort-Anpassung“ notwendig. In der Industrie ist das zugrundeliegende sogenannte Mass-Customizing längst zum Produktionsprozess Nummer 1 geworden. Also die erfolgreiche Verbindung von Massen- mit Maßgeschäft.

WK:Ist das nicht alles Musik aus der erst kommenden Dekade oder wie weit ist man mit solchen Coop-Factorys tatsächlich?
WG: Man braucht natürlich – wie beim Franchise auch  — beide Seiten. Der größte deutsche Regionalgenossenschaftsverband ermöglicht Projektgenossenschaften für einen klaren Geschäftszweck im Bereich der Energiewirtschaft und der Gesundheitsversorgung. Diese können direkt ohne den üblichen Gründungsweg über GenoPortal erworben werden. Gegenwärtig gilt es einen Prozess festzulegen, der die interessierten Abnehmer — um in unserem Bild zu bleiben die Franchising-Nehmer — identifiziert und auf den Geschäftsbetrieb der neuen Genossenschaft bestmöglich vorbereitet. Eine ausgesprochen spannende Phase mit einigem Gestaltungsraum, die im Verlaufe der nächsten 5 Jahre eine erhebliche Wirkung für die Genossenschaften entfalten könnte.

WK: Nochmals, entwertet man bei solch einem Vorgehen nicht die Individualität einer Geschäfts- und Unternehmergruppe?
WG: Nein, ich sehe diese Gefährdung nicht. Gerade weil die Genossenschaften besondere Ziele und mit diesen verbundene Werte verfolgen müssen diese die bestmöglichen Verfahren anwenden und müssen den Anschluss wiederherstellen. Außerdem steht die Tür bei den Prüfverbänden weiter für alle anderen Gründungsinteressierten offen.
WK: Vielen Dank für das interessante Interview!

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